Deutscher Verkehrsexpertentag 2018

Sehr gerne sind wir der Einladung gefolgt, einen Vortrag zum Verkehrsexpertentag in Münster zu halten.

Neben vielen weiteren interessanten Referenten und Themen haben wir sowohl über unsere Arbeit vorgetragen, als auch Vorschläge für die Verbesserung der Situation von Menschen eingebracht, die durch Fremdverschulden verletzt werden.

Unsere Vortag in voller Länge:

Deutscher Verkehrsexpertentag 2018, 20. November 2018

„Versorgung somatischer und psychischer Verkehrsunfallfolgen “

Vortrag von Stefanie Jeske, 1. Vorsitzende von subvenio e.V.

„Folgeschäden durch zeitnahe Unterstützung verhindern

Die unfallbedingten Verletzungen setzen für die Betroffenen nicht selten das bisherige Verständnis von Sicherheit und Selbstbestimmung außer Kraft. Die plötzlich eingetretene Hilflosigkeit stellt eine enorme Herausforderung für alle Beteiligten dar.

Die möglichen Grundvoraussetzungen und die daraus völlig individuell entstehenden Fragen in derartigen Situationen sind vielfältig. Welche Handlungen und Lösungen  notwendig sind, hängt von etlichen Faktoren ab.

Beispielhaft zu nennen:

Verfügt der Betroffene über familiäre Anbindung, ist er mit seiner Not alleine, hat er Verpflichtungen, welche dringenden Handlungsbedarf erfordern, wie ist die berufliche Situation? usw.

  • müssen Kinder betreut werden
  • pflegt die betroffene Person eventuell selbst einen Angehörigen
  • sind Haustiere zu versorgen

Neben den Problemen im gesundheitlichen Bereich werden die Betroffenen mit der Tatsache konfrontiert, dass Sie der Situation ausgeliefert sind und von keiner Seite die Unterstützung erhalten, die sie in dieser desolaten Lage dringend benötigen. Sie fühlen sich ausgeliefert und ungerecht behandelt, die Gefahr der zusätzlichen psychischen Beeinträchtigung wächst mit jedem Tag. Dies wiederum kann zur Folge haben, dass weitere Beschwerden auftreten. (Herzrasen, Bluthochdruck, Magen/Darm Beschwerden)

Wir erleben nicht selten, dass Unfallopfer den entwürdigenden Umgang mit ihnen als Folter empfinden. Dies insbesondere dann, wenn sich der unmenschliche Kampf um berechtigte Entschädigung und Unterstützung bereits zu Beginn – dann wenn Hilfe dringend benötigt wird – abzeichnet und sich weiter über viele, viele Jahre hinzieht.

Für die Damen und Herren unter Ihnen, die subvenio noch nicht kennen:

Auch wir können den Unfall und die daraus resultierenden Verletzungen nicht rückgängig machen. Das kann niemand.

Wir können aber vielfach helfen zu verhindern, dass die Betroffenen zusätzliches, unnötiges Leid erfahren.

Auszugsweise möchte ich Ihnen darstellen, was wir seit inzwischen 10 Jahren konkret für Betroffene leisten:

  • wir hören den Betroffenen aufmerksam zu
  • wir analysieren anhand der individuellen Lage, was als nächstes zu tun ist
  • wir geben Hilfe zur Selbsthilfe, wenn möglich
  • wir wissen, welcher Spezialist gebraucht wird, haben ein entsprechendes Netzwerk aufgebaut
  • wenn – und das erleben wir in der Natur der Sache liegend – ein individuell strategisch wichtiger Ansprechpartner  noch nicht unserem Netzwerk angehört, suchen und finden wir ihn/sie
  • wir nehmen bei Bedarf Kontakt zu allen Beteiligten – wie zum Beispiel Behörden, Medizinern oder Psychologen und Versicherern auf
  • wir haben das juristische Kompetenznetzwerk – kurz JKN gegründet. Diesem gehören ausschließlich Rechtsanwälte an, die sich auf die Bearbeitung von Personenschäden spezialisiert haben und die von uns jährlich veranstalteten Fortbildungen besuchen, sowie sich untereinander austauschen um ein ansatzweise ähnliches Gewicht zu bilden, wie es die Juristen auf Versichererseite bereits tun
  • wir arbeiten in Düsseldorf seit vielen Jahren eng mit dem Opferschutz der Polizei zusammen. Unserer Düsseldorfer Arbeitsgruppe gehören inzwischen weitere Partner wie das Gesundheitsamt und die Verkehrswacht an

Wir erarbeiten gemeinsam Strategien, die dazu beitragen, dass Hilfe zeitnah ankommt und somit Folgeschäden verhindert werden.

Beispielhaft ist unser „gelber Zettel“, dieser wird als „Beiblatt zum Anschreiben oder bei Vernehmungen“ an Unfallopfer jeglicher Art ausgegeben.

Dieser Zettel beinhaltet den Hinweis darauf, dass sowohl subvenio e.V., als auch die Ambulanz für Gewaltopfer in Düsseldorf nach einem Unfall mit Personenschaden helfen können.

  • Die VOD, unser Dachverband und Veranstalter des heutigen Tages, schloss 2017 einen Kooperationsvertrag mit dem Innenministerium NRW. subvenio e.V. ist dort als Beratungsstelle für Verkehrsunfallopfer aufgeführt
  • wir haben durch die Unterstützung diverser Medien (Print, TV, Radio usw.) bereits Aufmerksamkeit der Politik erreichen können und werden weiter hartnäckig damit fortfahren
  • wir helfen bundesweit
  • wir machen das aus Überzeugung und mit einer Riesenportion Herzblut und Erfahrung
  • gemeinnützig
  • finanziert fast ausschließlich durch Spenden und Mitgliedsbeiträge, sowie verhältnismäßig geringen Bußgeldzuweisungen der Gerichte.

In den vergangenen 10 Jahren haben wir nicht nur vielen Menschen helfen können, die dadurch resultierenden Erfahrungen münden schließlich in konkreten Vorschlägen zur Verbesserung der Situation.

Es müssen JETZT verbindliche Lösungen her, Lösungen die verhindern, dass die Übernahme der Verantwortung immer wieder abgelehnt werden kann. Je länger sich der Genesungsweg für die Menschen gestaltet, desto höher werden die Kosten für alle Beteiligten und die Gefahr, weiterer gesundheitlicher Schäden wird wahrscheinlicher.

So empfehlen wir, dass zukünftig folgende Aspekte berücksichtigt und gewährleistet werden:

  • die verbindliche (gerichtsverwertbare) und zeitnahe Festgestellung der Verletzung/en die durch das Fremdverschulden eingetreten ist/sind. Ähnlich, wie bei Betroffenen von Gewaltverbrechen. Nur so kann verhindert werden, dass Unmengen von unqualifizierten und nicht neutralen Gutachten zum Nachteil der Betroffenen erstellt werden
  • die umgehende Übernahme sämtlicher Kosten, die durch das fremd verschuldete Ereignis entstehen (Befunderhebungskosten, Behandlungskosten, Rehakosten, Therapiekosten, Kosten für die juristische Vertretung usw.)
  • der Bereich der Juristen lässt ebenfalls Raum für Verbesserungsvorschläge. So muss es eine nachgewiesene Qualifizierung geben, welche zum Beispiel ausschließt, dass sich der „Mietrechtler“ an einem Personenschaden „vergeht“
  • kein Richter darf ohne spezielle Qualifizierung Personenschadensachen bearbeiten
  • Opferschutz muss für jeden Bürger gelten, der durch Dritte verletzt wird, ohne „Wenn und Aber“ – egal wie der Personenschaden erfolgt ist
  • es darf im zivilrechtlichen Bereich keine Unterscheidung nach Art des Ereignisses geben und somit Betroffene unterschiedlicher Kategorien geschaffen werden

Es darf keine Betroffenen 1. und 2. Klasse geben!!!

(Unfall, Verkehrsunfall, Münster, Breitscheidplatz, German Wings Absturz, alle Betroffenen dieser Ereignisse leiden unter den FOLGEN)

  • die Folgen müssen als Maßstab gelten, nicht die Art des fremd verschuldeten Ereignisses

Denn:

Egal wer dafür verantwortlich ist, dass auf welche Art auch immer ein Betroffener den Rest seines Lebens im Rollstuhl verbringen muss, oder einen geliebten Angehörigen verloren hat, die daraus resultierenden Konsequenzen, das zugefügte Leid müssen gewürdigt werden.

Ein schwerer Unfall sagt nicht zwingend etwas über die gesundheitlichen Folgen für Betroffene aus, theoretisch kann auch eine schwere Verletzung folgenlos ausheilen, eine vermeintlich leichte jedoch lebenslange, beeinträchtigende Folgen mit sich bringen.

Diese hier beispielhaft vorgetragenen Lösungen können wir gemeinsam realisieren und vervollständigen.

Tage wie diese, Tage an denen wir uns austauschen, um dieses gesellschaftliche Problem aus der trügerischen „Einzelfalllüge“ zu befreien, tragen erheblich dazu bei.

Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit.

Stefanie Jeske“

2018-11-26T10:07:55+00:00Kategorien: Aktuelles, Magazin, Veranstaltungen|